Günther-Dikdik

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Günther-Dikdik

Systematik
Klasse: Säugetiere (Mammalia)
Unterklasse: Lebendgebärende Säugetiere (Theria)
Teilklasse: Höhere Säugetiere (Eutheria)
Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
Familie: Hornträger (Bovidae)
Unterfamilie: Böckchen (Neotraginae)
Gattung: Dikdiks (Madoqua)
Art: Günther-Dikdik
Wissenschaftlicher Name
Madoqua guentheri
Thomas, 1894

IUCN-Status
Least Concern (LC) - IUCN

Das Günther-Dikdik (Madoqua guentheri) zählt innerhalb der Familie der Hornträger (Bovidae) zur Gattung der Dikdiks (Madoqua). Im Englischen wird dieses Böckchen Gunther's Dik-Dik genannt.

Die frühesten fossilen Funde der Vertreter der Dikdiks (Madoqua) stammen aus dem späten Miozän und weisen somit ein Alter von 5 bis 8 Millionen Jahren auf. Umfangreiche Funde stammen aus dem Pliozän, einer Epoche, die vor etwa 5 Millionen Jahren begann und vor 1,8 Millionen Jahren endete.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Aussehen und Maße

Das Günther-Dikdik gehört zu den kleineren Dikdiks und ist ausgesprochen schlank gebaut. Der schlanke Eindruck wird durch die langen und eher dünnen Beinchen mit den schwarzen Hufen verstärkt. Markant ist der lange Hals und der kleine Kopf. Er erreicht eine Körperlänge von 50 bis 68 Zentimeter, eine Hinterfußlänge von 16,5 bis 20,5 Zentimeter, eine Ohrlänge von 6 bis 8 Zentimeter, eine Schulterhöhe von 32 bis 36 Zentimeter sowie ein Gewicht von 3,5 bis 4,6 Kilogramm. Der kurze Schwanz erreicht eine Länge von 20 bis 50 Millimeter. Männchen bleiben insgesamt ein wenig kleiner und leichter als Weibchen. Das Fell weist eine gelblichbraune bis graubraune Grundfärbung auf. Die Flanken sind überwiegend sandfarben mit einem leicht rostrotem Schimmer. Die Innenseiten der Beine und die Bauchseite sind weißlich bis leicht gräulich gefärbt. Männchen verfügen über kleine, schwarz gefärbte Hörner, die eine Länge von bis zu 10 Zentimeter und an der Basis eine elyptische Form aufweisen. Die Hörner sind nur sehr wenig nach hinten gekrümmt, in der Regel meist relativ gerade geformt. Nicht selten liegen die Hörner jüngerer Männchen in den Haarbüscheln auf dem Oberkopf verborgen. Die Ohren sind innen weißlich gefärbt. Günther-Dikdiks verfügen über relativ große Augen, die seitlich am Kopf liegen und schwarz gefärbt sind. Ein sicheres Unterscheidungsmerkmal zu den anderen Dikdiks ist die deutlich längere Schnauze des Günther-Dikdik. Der verlängerte Nasenrücken dient wahrscheinlich der Thermoregulation. Unmittelbar unter der Haut liegen in diesem Bereich in Membranen ein feines Netz aus Blutäderchen. Das Blut wird in diesem Bereich durch Verdampfung heruntergekühlt.

Lebensweise

Günther-Dikdiks sind ausgesprochen sozial und leben in kleinen Familiengruppen, die aus einem Pärchen und deren Nachwuchs bestehen. Der Nachwuchs bleibt bis zur nächsten Schwangerschaft der Mutter in der Familiengruppe. Eher selten treten Günther-Dikdiks einzelgängerisch auf. Günther-Dikdiks sind durchaus territorial und markieren ihre Revier mit Kot und Urin sowie mit einem Sekret aus Drüsen im Kopfbereich. Beide Geschlechter beteiligen sich an der Reviermarkierung. Bei Gefahr geben die Tiere, insbesondere die Männchen, pfeifende Geräusche von sich, die als Drohgebärde angesehen werden können. Einem Eindringling stellt jedoch nur das Männchen nach. Dabei werden auch die kleinen Hörner als Waffe eingesetzt. Kämpfe unter rivalisierenden Männchen haben zumeist nur symbolischen Charakter. Es handelt sich also um reine Kommentkämpfe, bei denen es nur selten zu Verletzungen kommt. Günther-Dikdiks sind für gewöhnlich verschwiegen und halten sich zum eigenen Schutz in dichter Vegetation verborgen, denn großen Prädatoren haben sie nichts entgegenzusetzen.

Unterarten

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet des Günther-Dikdik erstreckt sich in Ostafrika über das südliche und südöstliche Äthiopien, Somalia, das südliche Sudan, das nördliche Uganda und das nördliche Kenia. In diesem relativ kleinen Verbreitungsgebiet leben vier Unterarten. Günther-Dikdiks leben in halboffenen Habitaten wie Buschland, trockenen Flusstälern, Savannen und an Waldrändern vor. Dichte Wälder und völlig offene Flächen werden nicht besiedelt. Sie sind sowohl in der Ebene als auch im Hügelland anzutreffen. In Somalia werden streckenweise auch Küstenbereiche besiedelt. Das Verbreitungsgebiet von Madoqua guentheri guentheri und Madoqua guentheri hodsoni wird in Äthiopien und Somalia räumlich durch den Strom Shebeli (wird in Somalia Shabeelle genannt) getrent.

Prädatoren

Zu den zahlreichen natürlichen Fleischfressern der Günther-Dikdiks gehören neben Leoparden (Panthera pardus) und Geparden (Acinonyx jubatus) vor allem Streifenhyänen (Hyaena hyaena), Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta), Schabrackenschakale (Canis mesomelas), Karakals (Caracal caracal), Anubispaviane (Papio anubis), Wildkatzen (Felis silvestris), Servale (Leptailurus serval), Kaffernadler (Aquila verreauxii), Kampfadler (Polemaetus bellicosus), Steppenwarane (Varanus exanthematicus) und der Felsenpython (Python sebae). Günther-Dikdik sind vorsichtig und stets auf der Hut. Sie warnen sich bei Gefahr mittels pfeifenden Geräuschen. Als einzige Verteidigung dient ihnen ihre versteckte Lebensweise. Bei Gefahr ducken sich die Tiere ins hohe Gras und flüchten erst im letzten Moment.

Ernährung

Das Günther-Dikdik ernährt sich vegetarisch hauptsächlich von Früchten, Blütenpflanzen (Anthophyta), Blättern, Rinde, Sämereien, Sprossen und Pflanzenstängeln. Hin und wieder werden auch Gräser und Kräuter gefressen. Saisonal kann die Art der Nahrung deutlich schwanken. Feldstuduien haben ergeben, dass auf dem Speiseplan insbesondere Hülsenfrüchtler (Fabaceae), Flügensamengewächse (Combretaceae), Commelinagewächse (Commelinaceae), Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae), Dickblattgewächse (Crassulaceae), Kreuzdorngewächse (Rhamnaceae), verschiedene Süßgräser (Poaceae) und Nachtschattengewächse (Solanaceae) stehen. In der Nähe des Menschen fressen sie auch auf Feldern Getreide oder in Obstgärten herab gefallende Früchte. Auf Trinkwasser sind Günther-Dikdiks nicht angewiesen. Ist jedoch Wasser vorhanden, so trinken sie durchaus täglich. Ansonsten wird der Wasserbedarf über die Nahrung gedeckt. Auf Nahrungssuche gehen die Tiere überwiegend in der Dämmerung, entweder in den frühen Morgen- oder Abendstunden.

Fortpflanzung

Die Weibchen der Günther-Dikdiks erreichen die Geschlechtsreife mit bereits acht bis zehn Monaten, Männchen hingegen erst mit etwa zwölf Monaten. Weibchen können bis zu einem Alter von etwa 13 Jahren Nachwuchs zur Welt bringen. Männchen produzieren Samenflüssigkeit bis zu einem Alter von 10 Jahren. Die Geschlechter führen eine monogame Einehe, nicht selten hält die Ehe auch über mehrere Jahre oder gar ein Leben lang. Die Paarungszeit erstreckt sich in der Regel über das ganze Jahr. Die meisten Geburt fallen jedoch in die beginnenden Regenzeit. Nach einer Tragezeit von 170 bis 180 Tagen bringt das Weibchen ein, sehr selten auch zwei Jungtiere zur Welt. Die Geburt eines Jungtieres erfolgt mit den Vorderbeinen und dem Kopf zuerst. Ein Jungtier weist je nach Geschlecht ein Gewicht von 600 bis 800 Gramm auf. Männlicher Nachwuchs wiegt bei der Geburt etwas mehr. Die Nachgeburt wird von der Mutter gefressen um verräterische Gerüche zu tilgen. In den ersten drei Wochen bleibt ein Jungtier im hohen Gras verborgen und die Mutter kommt nur zum Säugen vorbei, bleibt jedoch immer in der Nähe. Später folgt der Nachwuchs den Eltern. Die Säugezeit erstreckt sich über etwa vier bis fünf Monate. Aber bereits ab der zweiten Lebenswoche nehmen Jungtiere zusätzlich feste Nahrung zu sich. Bereits nach sieben bis acht Monaten erreicht ein Jungtier die Größe der Eltern. Man schätzt die Überlebensrate im ersten Lebensjahr aufgrund der zahlreichen Fleischfresser auf unter 50 Prozent. Im Alter von etwa sieben oder acht Monaten verlassen Jungtiere ihre Eltern und werden selbständig.

Ökologie, Gefährdung und Schutz

In der Vergangenheit wurden Günther-Dikdiks wegen ihrer Häute stark bejagt. Heute spielt die Bejagung keine große Rolle mehr. Die Haut wurde vor allem für die Produktion von Handtaschen verwendet. Die natürlichen Verbreitungsgebiete stehen heute in weiten Teilen mehr oder weniger unter Druck. Vor allem die Land- und Viehwirtschaft breiten sich rasant aus und nehmen den Günther-Dikdiks den Lebensraum. Dennoch gilt die Art noch nicht als gefährdet und wird infolgedessen in der Roten Liste der IUCN als nicht gefährdet (LC, Least Concern) geführt. Die Bejagung erfolgt zumeist mit ausgelegten Drahtschlingen. Die Tiere gehen so qualvoll ein, da sie meist tagelang in den Drahtschlingen vor sich hin vegetieren. Die Gesamtbestände werden aktuell auf etwa 100.000 Exemplare geschätzt.

Anhang

Literatur und Quellen

Links

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